vita activa
Wir fahren durch Europa. 8.000 km in 15 Monaten, mit einer zweispännigen Pferdekutsche vom Bodensee quer durch Frankreich entlang der spanischen Küste bis an die südlichste Spitze Europas. Zurück geht es durch Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, Holland und über Berlin wieder an den Bodensee, zum großen Abschluss unserer Fahrt.
Eine lange Reise, nicht nur für uns, sondern auch für unsere beiden treuen Tinker-Pferde.
Doch es ist keine Vergnügungsreise, kein Abenteuerurlaub im sonnigen Süden. Überall entlang unserer Route besuchen wir Landwirte und übernachten in unserer Kutsche auf Bauernhöfen. In Zusammenarbeit mit namhaften Umweltorganisationen und international renommierten Forschern möchten wir mehr über die aktuelle Situation der Landwirte in Europa herausfinden. Es geht um industriellen Anbau und Biowirtschaft, um die EU und Agrarpolitik.
Vor allem aber geht es um Gentechnik.
Lebensmittel sind die Grundlage unseres Lebens. Nicht umsonst heißt es: „Man ist, was man isst“. Und leben wir hier nicht in wunderbaren Zeiten? Das ganze Jahr hindurch können wir heute frische Tomaten und knackige Paprika im Supermarkt kaufen. Die Regale sind immer voll, zu Essen gibt es mehr als genug. Wir leben in wunderbaren Zeiten.
Doch der Preis dafür ist hoch. Um zu jeder Jahreszeit eine große Auswahl an Gemüse und Obst günstig anbieten zu können, müssen die Landwirte immer ausgefeiltere Produktionsmethoden anwenden. Die Nahrungsmittelproduktion ist zu einer hochtechnisierten Industrie geworden, die alle Bereiche von Ernte über Schädlingsbekämpfung bis zum einzelnen Samenkorn umfasst.
Und ohne diese Industrie wäre eine solch intensive Form der Landwirtschaft überhaupt nicht möglich. Um Erträge möglichst schnell und billig zu steigern, werden Unmengen an Pestiziden und künstlichen Nährstoffen eingesetzt. Auf Kosten der Trinkwasserqualität und unserer Gesundheit.
Und im nächsten Schritt wird die Natur verändert.
Um Kosten für Pestizide zu sparen, erhielten die ersten Generationen gentechnisch veränderter Pflanzen ihre eigene Lizenz zur Giftproduktion: ein Bazillen -Gen wurde in das Erbgut von Mais eingebaut. Zwar tötet das dann vom so genannten „BT-Mais“ produzierte Gift auch Schmetterlinge, doch für den Menschen soll es absolut harmlos sein.
Die neusten Produkte aus den Forschungslaboren gehen noch viel weiter. Fisch-Gene in Erdbeeren, menschliches Erbgut kombiniert mit Schweine-DNS. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Der Praxis leider auch kaum. Denn was hier wie Science Fiction klingt, ist längst Realität. Viele der so produzierten Lebensmittel landen heute schon ungekennzeichnet auf unseren Tellern: einem Steak sieht man es nicht an, ob es mit gentechnisch verändertem Mais ernährt wurde.
Und wenn es so weiter geht wie in den letzten Jahren, dann ist eine Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel auch nicht mehr erforderlich: bis dahin werden sich unter anderem durch Pollenflug die Kunstpflanzen aus dem Chemielabor so sehr mit unseren natürlichen Pflanzen vermischen, dass in Zukunft niemand mehr mit Gewissheit sagen kann, ob das Frühstück aus dem Labor kommt.
Und dadurch patentiert ist. Die Zutaten in unseren Küchen ein Experiment der großen Chemiekonzerne. „Man ist, was man isst“. Wollen wir so sein?
Jeden Schritt, den wir in Richtung gentechnisch designter Lebensmittel gehen, ist unumkehrbar. Einmal in die Natur gebrachtes Saatgut wird für immer dort bleiben und sich weiter vermehren. Wenn wir noch etwas dagegen tun können, dann heute, hier und jetzt.
Auf unserer Fahrt quer durch Europa werden wir den aktuellen Stand der Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen dokumentieren. Wir entnehmen Bodenproben und geben diese zur Analyse an wissenschaftliche Institute weiter. So entsteht eine Landkarte der Gentechnik in Europa.
Über unsere Erfahrungen und den aktuellen Stand der Gentechnik diskutieren wir auf unserem Weg an vielen Stationen, mit Schülern, Studenten, Politikern, Verbrauchern und Landwirten.
